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Soziale und wirtschaftliche Entwicklungen

Kanadas Einwanderungspolitik 2007:
Die grosse Wende


Die neuesten Aenderungen im kanadischen Einwanderungssystem im Winterhalbjahr 2006/2007 machen sehr deutlich, dass die klaren Entwicklungen der letzten Jahre nun einen Schnittpunkt erreicht haben, der grosse Auswirkungen auf neue Einwanderer hat.

Kanada wandelt sich von einem offenen Immigrationsland zu einer gesättigten Wirtschaft. Qualifikation im Einwanderungssystem allein mag nicht mehr genügen. Wer nicht ein Familienmitglied in Kanada hat, wer nicht ein Arbeitnehmer mit gesicherter Stelle in Kanada ist, wer keine konkrete Geschäftsvorhaben oder Investitionen plant, oder wer nicht direkte Verfolgung als Flüchtling nachweisen kann, der wird nicht nur auf die lange Bank geschoben, sondern hat heute ungewisse Chancen, überhaupt je nach Kanada einwandern zu können.

Dazu etwas Hintergrund. Kanada wurde von Einwanderern gegründet und aufgebaut. Das Konzept der offenen Einwanderung ist tief verwurzelt und kann politisch kaum offen angetastet werden.

Trotzdem haben sich die Zeiten geändert. Während früher der Grossteil der Bevölkerung im Primärsektor und in ländlichen Gebieten arbeitete, lebt heute der Grossteil in Städten am südlichen Rand des Landes, und dieser Trend is weiterhin stark zunehmend.

Die Konkurrenz um Stellen in Städten ist grösser geworden. Die Spezialisierung und die nötige Ausbildung und Lizenzierung sind heute enorm wichtig. Statistiken zeigen, dass der Unterschied im Verdienst von Einwanderern und im Lande geborenen Kanadiern in den letzten 20 Jahren stetig grösser geworden ist. Die Millionenbeträge, welche die Regierung zur Eingliederung von Immigranten ausgibt, nehmen jährlich zu.

Das Verhältnis von Einkommen und Lebenshaltungskosten verschlechtert sich allgemein. Immobilien sind teurer geworden, und viele attraktive Wohnlagen sind für durchschnittlich verdienende Familien nicht mehr erschwinglich. Eine ansteigende Zahl der Einwanderer, welche nicht so Fuss fassen können wie sie es sich erträumt hatten, verlassen Kanada wieder.

Trotzdem hat Kanada eine gute Wirtschaft, und die Zahl von neuen Einwanderungsgesuchen vor allem aus der Dritten Welt nimmt ständig zu.

Kanada hat das grösste Bevölkerungswachstum der G7, vor allem durch Immigration. Die jährliche Einwanderungsquote ist zwar sehr gross, aber trotzdem auf etwa 250'000 oder etwa 1% limitiert.

Dieser Flaschenhals ist ein ungelöstes Problem. Die Regierung kann nicht zugeben, dass steigende Zahlen von Einwanderungsgesuchen auf der einen Seite, und limitierter Platz und sich sättigende Verhältnisse auf der anderen Seite nicht vereinbar sind, und zwangsläufig zu einer Krise führen müssen.

Wie geht Kanada mit diesem Problem um? Immigration ist politisch gesehen eine heilige Kuh, und das Image des unbegrenzten Einwanderungslandes kann nicht öffentlich angetastet werden.

Als die Warteschlange eine Million erreichte, wurde im Jahre 2002 ein neues Einwanderungsgesetz eingeführt. Die Anforderungen wurden angehoben (viele Europäer vor allem mit Berufslehren wurden praktisch abgeschnitten), und die Regierung versuchte die Warteschlange so zu verdünnen.

Dieser Versuch schlug fehl. Zwar wurden viele neue Einwanderer vorerst abgeschreckt, und der Anstieg ging etwas zurück, aber das Bundesgericht erklärte die rückwirkende Anwendung eines neuen Gesetzes auf die Warteschlange unter altem Gesetz als ungültig.

2007 - Fünf Jahre später wiederholt sich das Szenario. Die Warteschlange erreicht wieder eine Million. Aber inzwischen hat die Regierung dazu gelernt. Die Aenderungen wurden über das Winterhalbjahr 2006/2007 schleichend und in mehreren Schritten eingeführt. Und die Regierung stellte alle Aenderungen als einwanderungsfreundlich dar.

Einen ersten wichtigen Schritt nannte die Regierungspropaganda 'Vereinfachte Einwanderungsgesuche'. Dabei handelt es sich nicht um eine Vereinfachung. Es handelt sich um eine zusätzliche Voranmeldung, bei der man zuerst eine Nummer in der Warteschlange ziehen muss - und dann später, wenn es der Regierung passt, ein Aufgebot erhält und das genau gleiche volle Gesuch - aber in kurzer Zeit - vollständig nachreichen muss.

Aber das wichtige Detail liegt im Kleingedruckten: Die Regierung hat diesmal sichergestellt, dass die Warteschlange jederzeit legal abgeschnitten werden kann. 

In diesem Winter sind auch die Prioritäten in der Bearbeitung von Gesuchen etwas geändert worden, und man hat auf grossen Druck der Industrie hin den Prozess für Arbeitsbewilligungen und den Saisonnier-Status etwas erleichtert. Es ist trotzdem immer noch schwierig und sehr bürokratisch, ein Arbeitsvisum zu erhalten.

Im Klartext schliessen sich also die Tore der offenen Einwanderung. Wie in anderen westlichen Demokratien hat nun auch Kanada dazu umgestellt, Einwanderer nur noch mit nachgewiesenen wirtschaftlichen, familiären, oder humanitären Gründen einzulassen - während die Regierung in der Oeffentlichkeit nach wie vor das alte Lied der offenen Immigration posaunt.

In Fachkreisen haben wir vom 'Abandoning of the backlog' gesprochen - oder was ich vielleicht etwas prägnanter als 'Einladung zum verlorenen Haufen' bezeichnen würde.
 
Konkret bedeutet dies zum Beispiel eine momentan 5-jährige Wartezeit für Schweizer Gesuchsteller, welche keine Dringlichkeit nachweisen können. Diese Wartezeit ist vermutlich untertrieben - alle Bewerber, welche Dringlichkeit nachweisen, werden dauernd in der Warteschlange vorgezogen, und somit verlängert sich die Wartezeit für den Normalbewerber. Ob man überhaupt je aus der Warteschlange oder eben dem 'Verlorenen Haufen' herauskommt, ist ungewiss.

Obwohl der Trend in diesen Entwicklungen recht klar ist, kann niemand sagen, was die Zukunft bringt.

Die allgemeine wirtschaftliche Sättigung ist natürlich überlagert von lokalen Booms, im Moment vor allem durch das Erdöl in Alberta. Vergessen wir aber nicht: Alberta ging um 1990 durch ganz knappe Jahre, und die Wirtschaft in British Columbia brach zweimal in den letzten 25 Jahren massiv zusammen. Wer seinen Job und sein Haus verloren hat, erinnert sich gut an diese Zeiten.

Parallel findet eine allgemeine Ueberalterung statt, mit steigendem Bedarf für junge Arbeitskräfte. Die momentanen Hindernisse wegen Unterschieden in Ausbildung und Lizenzierung mögen sich mit zunehmender Internationalisierung wieder etwas mildern und wieder bessere Konkurrenzfähigkeit für Einwanderer bedeuten.

Ich halte Kanada nach wie vor für ein grossartiges Land mit vielen Möglichkeiten für Einwanderer. Ich kann aber nicht genug dazu anregen, die Fülle von Informationen sowohl von privater als auch von Regierungsseite kritisch zu beurteilen, und in der persönlichen Planung mit rechtlich und wirtschaftlich soliden Strategien vorzugehen.

Christoph Rohner


 

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